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Zucker ©  

Lügen haben süße Beine – Die 7 Lügen der Zuckerlobby

 

 

Quelle: http://www.br-online.de/umwelt-gesundheit/sprechstunde/200203/img/0326/zucker_dpa.jpg 

Der Durchschnittsdeutsche verzehrt pro Tag rund 100 Gramm reinen Zucker. Manche glauben zwar nicht, dass dies so viel ist, da sie von den Mengen an „verstecktem“ Zucker in Schokolade, Eiskrem, Cola oder auch Fertigmüsli nicht wissen. Die Mehrheit ahnt jedoch, dass sie zuviel Zucker konsumiert – und tut es mit zunehmend schlechtem Gewissen. Wie könnte also, aus Sicht der Zucker produzenten, der Absatz weiter gefördert werden? Indem man den Verbrauchern „Genuss ohne Reue“ verspricht und die Zucker nation von lästigen Gewissensbissen befreit. Das erfordert aber einen „kreativen“ Umgang mit der Wahrheit… 

Lügen, ohne zu lügen 

Zu Zeiten des kalten Krieges machte folgender Witz die Runde: Kennedy und Chruschtschow veranstalteten ein Wettrennen auf dem Roten Platz in Moskau. Der junge, dynamische, amerikanische Präsident Kennedy gewann den Lauf überlegen vor seinem älteren, etwas schwerfälligen, sowjetischen Kollegen. Am nächsten Tag stand in großen Lettern auf der Titelseite der Prawda (=Wahrheit!): „Wettlauf zwischen Präsidenten auf dem Roten Platz – Chruschtschow wurde hervorragender Zweiter – Kennedy nur Vorletzter“. Sie sehen, man kann die Wahrheit sagen und trotzdem lügen, wenn man sich nur die Informationen herausholt, die in das eigene Weltbild hinein passen. 

Vor einiger Zeit hat die Centrale Marketing-Gesellschaft der Agrarwirtschaft (CMA) eine 20seitige Broschüre für Laien mit dem Titel „Glauben heißt nicht wissen! Fragen zum Thema Zucker“ herausgegeben. Damit soll einigen „Vorurteilen“ gegenüber Zucker wissenschaftlich begegnet werden. Auf der linken Seite steht jeweils ein Vorurteil, auf der rechten Seite wird ein Professor zitiert, der dieses Vorurteil wissenschaftlich widerlegt. 

Einer repräsentativen Umfrage zufolge meint fast jeder zweite Deutsche, wer viel Zucker isst, werde leichter krank. 

1. „Zucker macht nicht krank“ 

Vor einiger Zeit hat die CMA (Slogan: Bestes vom Bauern) eine 20seitige Broschüre für Laien herausgegeben, die einigen „Vorurteilen“ gegenüber Zucker wissenschaftlich begegnen soll. Auf der linken Seite wird ein Vorurteil dargestellt, auf der rechten Seite wird ein Professor zitiert, der dieses Vorurteil dann wissenschaftlich widerlegt. So meint einer repräsentativen Umfrage zufolge fast jeder zweite Deutsche, dass, wer viel Zucker isst, leicht krank wird. Daraufhin behauptet ein Professor, dass Zucker weder Übergewicht fördere, noch ein hoher Konsum davon Herz-Kreislauf-Krankheiten verursache. Eine internationale Expertenbefragung der WHO (Weltgesundheitsorganisation) und der FAO (Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) bestätige hingegen: „In den üblichen Verzehrmengen hat Zucker keinerlei gesundheitsschädigende Wirkung!“ 

Kommentar: Soviel geballte professorale Urteilskraft kann sich doch nicht irren! Oder vielleicht doch? In der modernen Medizin heißt ein Schlagwort „evidenzbasiert“. Darunter wird verstanden, wenn sich Empfehlungen auf hieb- und stichfeste Beweise stützen. Die evidenzbasierte Medizin hat ein Wertesystem entworfen. Dabei hat eine Erkenntnis dann den höchsten Stellenwert, wenn sie durch mehrere kontrollierte Studien übereinstimmend gestützt wird. Gibt es nur eine Studie, ist der Aussagewert schon geringer. Noch geringer ist er, wenn es gar widersprüchliche Studien gibt. Und raten Sie mal, welches Kriterium die allergeringste wissenschaftliche Beweiskraft besitzt. Richtig: Das so genannte Expertengremium. Für den Laien ist deren Urteil immer noch überzeugend, nach strengen wissenschaftlichen Gesichtspunkten ist es jedoch nahezu wertlos. Und darauf stützt sich die Behauptung der CMA, Zucker sei nicht gesundheitsschädigend. 

Medizinische Erkenntnisse veralten rasch 

Dazu kommt noch folgendes: In der Medizin gilt der Grundsatz, dass die Halbwertszeit wissenschaftlicher Erkenntnisse etwa fünf Jahre beträgt. Cirka alle fünf Jahre – so schätzt man – verdoppelt sich das gesamte medizinische Wissen weltweit. Und die Hälfte aller Lehrmeinungen ist nach etwa fünf Jahren unbrauchbar geworden. Nicht selten erweist sich dann sogar das Gegenteil als richtig. Ein ungeschriebenes Gesetz in der Medizin lautet daher: Die Lehrmeinung von gestern ist der Kunstfehler von heute – und umgekehrt. Nebenbei: In der Naturheilkunde haben wir es etwas besser. Wenn wir von esoterischer Pseudo-Naturheilkunde einmal absehen, ist hier die Halbwertszeit der Erkenntnisse wesentlich länger als nur fünf Jahre. Denken wir nur an Homöopathie, traditionelle chinesische Medizin oder Ayurveda – hier haben die Lehrsätze unverändert seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden Gültigkeit. 

Doch zurück zur Zucker broschüre. Der Inhalt des Pamphletes stützt sich auf eine Konsensuskonferenz – also ein Expertengremium -, welches 1996 tagte. Unter medizinhistorischen Aspekten sind also sogar zwei Halbwertszeiten vergangen. Die aufgeführten Behauptungen entstammen also geradezu der Steinzeit medizinischer Erkenntnis. Trotzdem sind die einzelnen Behauptungen natürlich kritisch zu prüfen. Nicht alles, was alt ist, muss deswegen ja gleich veraltet sein.

2. „Zucker macht nicht dick“

Auf der nächsten Doppelseite wird dem Vorurteil, Zucker mache dick, nachgegangen. Immerhin drei Viertel aller Deutschen sind davon überzeugt. Dann wird Prof. Hauner von der technischen Universität München zitiert. Danach beweisen zahlreiche Studien, dass Konsum von Zucker nicht mit Übergewicht verbunden sei. Freundlicherweise hat Prof. Hauner auf meine kritischen Fragen aktuell Stellung genommen: „Meine damalige Analyse der Stellungnahme ergab, dass kein Zusammenhang zwischen Zucker konsum und Körpergewicht bei Erwachsenen besteht. Studien auch bei Kindern und Jugendlichen zum damaligen Zeitpunkt ergaben keinen Hinweis für einen positiven Zusammenhang. Die Datenlage hat sich inzwischen geändert. Neuere Studien zeigten eine positive Beziehung zwischen Zucker konsum und Gewicht.“ 

Immerhin ist der Professor so ehrlich und relativiert seine Meinung aufgrund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Der CMA würde man eine solche Ehrlichkeit auch wünschen. Mir ist jedoch nicht bekannt, dass sie ihre Fehleinschätzungen inzwischen zurückgenommen hätte. Nebenbei: Eine neuere Studie aus den USA hat ergeben, dass bei Kindern kein Zusammenhang zwischen der verzehrten Menge von Süßigkeiten und Übergewicht besteht, wohl aber zwischen dem Konsum von Softdrinks und Übergewicht. Softdrinks sind zucker- oder süßstoffhaltige Limonaden, Kolagetränke und Milchmixgetränke, die offensichtlich viel Kalorien zuführen, aber nicht sättigen oder sogar zu mehr Hunger führen (Süßstoffe!). Diese tragen also in einem besonderen Maße zum Übergewicht bei – unabhängig davon, ob sie „light“ sind oder nicht. 

3. „Zucker macht nicht süchtig“ 

Zwei Drittel der Deutschen vermuten, dass Zucker und Süßigkeiten süchtig mache. Prof. Pudel von der ernährungspsychologischen Forschungsstelle der Universität Göttingen schreibt hierzu: „Die Vorliebe für Süßes ist ganz natürlich, sie ist dem Menschen angeboren. Dennoch verbieten manche Eltern ihren Kindern sämtliche Leckereien. Sie wundern sich dann, wenn ihre Sprösslinge Sehnsucht nach Bonbons und Schokolade haben. Eltern, die liberal mit Süßigkeiten umgehen, erleben dagegen keinen Süßhunger bei ihren Kindern. Oft führen erst Verbote zu den Problemen, die eigentlich gelöst werden sollten. Was für die Kleinen gilt, ist bei Erwachsenen kaum anders. … Der Süßhunger ist also ein selbst gemachtes Problem, das mit Sucht rein gar nichts zu tun hat.“ 

Hier hat der Professor natürlich in vielen Punkten Recht. So ist nach strengen Kriterien tatsächlich nicht von einer Sucht auszugehen, da fortlaufende Dosissteigerung zur Erzielung der erwünschten Wirkung sowie Entzugserscheinungen beim Weglassen der „Droge“ fehlen. Interessanterweise empfinden nicht wenige Übergewichtige selbst ihr Verhalten in Bezug auf Süßigkeiten als „süchtig“. Wenn jemand nach einem stressigen Arbeitstag einen großen Eisbecher oder eine Tüte Bonbons essen „muss“, wenn jemand nicht nur einen Riegel Schokolade essen kann, sondern nicht eher ruht, bis die ganze Tafel aufgemampft ist, dann entspricht das zwar nicht einer Sucht im strengen medizinischen Sinne, einige Aspekte von süchtigem Verhalten liegen aber schon vor. Tatsächlich erfüllen nicht wenige Übergewichtige die Kriterien, wie wir sie bei einer so genannten low-dosis-Abhängigkeit bei Medikamenten, Zigaretten oder Alkohol sehen: Die Dosis muss zwar nicht gesteigert werden, aber dem „Abhängigen“ (der Begriff Sucht ist heute übrigens obsolet) fehlt merklich etwas, wenn er seine Droge nicht konsumieren kann. Nebenbei: In Schokolade wurden inzwischen psychoaktive Substanzen gefunden, die tatsächlich ein Abhängigkeitspotential aufweisen. 

Wie sollten wir denn nun mit der vermeintlichen oder tatsächlichen „Droge Süßigkeit“ umgehen? Am besten wohl, wie mit jedem Genussmittel auch. So, wie es unsere Altvorderen wie Hippokrates, Kneipp oder Kollath es gelehrt haben, nämlich maßvoll. Jedes Genussmittel und jede Süßigkeit, gelegentlich und maßvoll genossen, kann sehr beglückend sein. Der Schwerpunkt liegt hier allerdings auf dem „Genießen“. Ein Zudecken von Problemen, eine Ersatzbefriedigung, eine Substitution eines Mangels an Liebe, Zuwendung und Geborgenheit durch Süßigkeiten leistet zumindest einer gewissen psychischen Abhängigkeit Vorschub. Auch das Verhalten mancher Eltern, ihre mitunter quengeligen Kinder mit Süßigkeiten „ruhig zustellen“, ist sicher nicht nur aus ernährungsphysiologischen, sondern auch aus psychologischen Gründen als verwerflich zu bezeichnen. Das andere Extrem – und da stimme ich mit Prof. Pudel durchaus überein – stellt ein äußerst rigides Verhalten mancher, gerade auch besonders naturheilkundlich orientierter Eltern dar. Ganz strenge Verbote führen selten zum Gewünschten und erreichen mitunter tatsächlich genau das Gegenteil. 

4. „Zucker macht keinen Karies“ 

90 % aller Deutschen glaubt, dass Zucker Karies verursacht, aber auch hier gibt es ein professorales Veto dagegen: „Damit Karies entstehen kann, müssen erst mehrere Faktoren zusammentreffen: Beläge auf den Zähnen, Säure bildende Bakterien und vergärbare Kohlenhydrate. Dabei ist es unerheblich, ob die Kohlenhydrate aus Bananen, Honig, zucker haltigen Lebensmitteln, stärkehaltigen Snacks oder Müsli stammen. Entscheidend ist ihre Verweildauer an den Zähnen. Deshalb gilt: Wer durch Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta rechtzeitig Beläge entfernt, beugt Karies effektiv vor.“ 

Natürlich hat Professor Wiedemann von der Universitätszahnklinik Würzburg teilweise Recht: Werden zucker haltige Beläge gleich nach dem Verzehr von Süßigkeiten entfernt, können sich keine Säuren und auch kein Karies bilden. Aber in welcher Welt lebt denn der Herr Professor? Ich kenne jedenfalls kein Kind, welches sich nach dem Verzehr jeden Bonbons, jeder Eiscreme und jeden Stückchens Schokolade die Zähne putzt. Wenn die Kinder (und Erwachsenen!) sich zweimal am Tag ordentlich die Zähne putzen, dürfen wir doch schon froh sein. Wenn dann ab und zu einmal Süßigkeiten verzehrt werden, ist auch nichts einzuwenden. Gegen ein Betthupferl schon gar nicht – wenn es vor dem Zähneputzen erfolgt. Bei vielen Kindern (und Erwachsenen!) geschieht jedoch eine Dauerberieselung der Zähne mit Zucker: Morgens Kaffee mit Zucker oder süßer Kakao, am späten Vormittag etwas Süßes für den kleinen Hunger zwischendurch, mittags ein süßer Nachtisch, nachmittags Kuchen oder Eis und ständig Kola, Limonade oder gesüßter Tee oder Kaffee, damit die armen Zahnbakterien keinen Hunger leiden. Es mag hierzu vielleicht keine Studien geben (warum werden diese eigentlich nicht durchgeführt?), aber ich bin sicher, dass bei gleicher Zahnhygiene diejenigen, die sich weitgehend vollwertig ernähren und nur selten zucker haltige Lebensmittel zu sich nehmen – und wenn, dann in Form von Früchten und nicht von klebrigen Süßigkeiten -, wesentlich weniger Karies aufweisen als die Durchschnittsbürger mit dem ununterbrochenen Beschuss ihrer Zähne mit Zucker. 

5. „Zuckerhaltige Lebensmittel sind keine „leeren“ Kalorien“ 

Fast zwei Drittel der Bundesbürger meinen, Zucker enthalte nur „leere Kalorien“. Er liefere also nur Kohlenhydrate ohne weitere Nährstoffe. Hierzu Prof. Bässler von der Universität Mainz: „Ein altes Märchen, das getrost begraben werden kann: Zucker liefert zwar außer Kohlenhydraten keine Nährstoffe, jedoch isst man ihn nur selten pur. Ob Müsli oder Obstsalat, ob Joghurt, Backwaren oder Dessert – immer tritt er im Verbund mit anderen, ernährungsphysiologisch günstigen Lebensmitteln auf und sorgt so für die Aufnahme weiterer Nährstoffe.“ Das wollen wir uns doch einmal näher betrachten. Immerhin gesteht Prof. Bässler ein, dass reiner Zucker außer Kohlenhydraten tatsächlich keine weiteren Nährstoffe enthält, also tatsächlich nur „leere Kalorien“ bedeutet. Dann führt er aber aus, dass Zucker fast nie alleine verzehrt wird, was sicher richtig ist. Bonbons bestehen fast zu 100 % aus Zucker, schokoladenhaltige Süßigkeiten bestehen zu einem großen Teil aus Zucker, zu einem weiteren großen Teil aus ungünstigen Fetten (überwiegend gesättigten Fettsäuren sowie Transfettsäuren). Wertvolle Mineralien und Vitamin sowie Ballaststoffe kommen da allenfalls in Spuren vor. Beim Müsli müssen wir freilich differenzieren. Hier gibt es Müslis, die ernährungsphysiologisch wirklich wertvoll sind, weil sie – neben dem zweifellos vorhandenen Zucker – viele Ballaststoffe und Vitamine aus Früchten und Nüssen enthalten. Es gibt aber auch Fertigmüslis, die zur Hälfte (!) aus Zucker bestehen und daher keinesfalls zu empfehlen sind. Einzig bei den Früchten gibt es ein uneingeschränktes Ja. Natürlich enthalten diese auch Zucker, aber eben im natürlichen Verbund mit einer reichhaltigen Mischung an Vitaminen, Mineral-, Ballast- und sekundären Pflanzeninhaltsstoffen, die sehr positive gesundheitliche Effekte haben und in den „künstlichen“ Süßigkeiten selbstverständlich nicht enthalten sind. Dass der Professor Müslis jeglicher Couleur, Joghurts mit Früchten oder solche mit viel zusätzlichem Zucker, natürliche Früchte und Backwaren und andere Süßigkeiten alle in einen Topf wirft, halte ich wirklich für bedenklich. 

Hat denn Professor Bässler als Ernährungsexperte noch nie etwas von der Nährstoffdichte gehört? Die Nährstoffdichte eines Lebensmittels in Bezug auf einen Nährstoff gibt dessen Gehalt nicht in Bezug auf das Gewicht, sondern in Bezug auf den Kaloriengehalt an. Damit kann man sehr viel besser den Beitrag eines Lebensmittels zur Nährstoffversorgung überprüfen. Ein Beispiel: Wir benötigen täglich etwa 400 mg Magnesium. Wenn wir nicht dicker werden wollen, müssen wir diese mit einer Kalorienmenge von gerade etwas über 2000 Kilokalorien zuführen. Pro 1000 Kalorien Nahrungsenergie sollte der Magnesiumgehalt also durchschnittlich bei 200 mg liegen. Wir sprechen dann von einer relativen Nährstoffdichte von 1. Werte von über 1 sprechen für einen Nährstoffreichtum des Lebensmittels an eben diesem einen Nährstoff (für jeden Nährstoff gibt es bei jedem Lebensmittel eine andere Nährstoffdichte), Werte von unter 1 sprechen für eine Nährstoffarmut. Man müsste dann andere sehr nährstoffreiche Lebensmittel kompensatorisch zuführen. 

Die meisten Süßigkeiten liegen mit ihrer relativen Nährstoffdichte deutlich unter 1 (im Gegensatz zu Früchten oder Gemüse). Je mehr Zucker ein Lebensmittel enthält (kein Magnesium), umso mehr sinkt natürlich auch die Nährstoffdichte an Magnesium (siehe Tabelle). Was in der Tabelle beispielhaft für Magnesium angegeben ist, trifft für viele andere Mineralien und Vitamine in gleicher Weise zu. Das ist das, was ich unter „leeren Kalorien“ verstehe: Je zuckerreicher ein Lebensmittel ist, umso mehr sinkt die relative Nährstoffdichte in Bezug auf die essentiellen (lebensnotwendigen) Nährstoffe ab. Wenn der Professor meint, Zucker in Lebensmitteln, besonders in industriell hergestellten, seien keine „leeren Kalorien“, dann tischt er uns tatsächlich ein Märchen auf.

Tab. 1: Nährstoffdichte bestimmter Lebensmittel bezüglich Magnesium

Lebensmittel relative Nährstoffdichte 
Weizenvollkornmehl    3,3
Weizenmehl Type 1050    1,1
Banane   3,0
Brombeere   4,2
Erdbeere                                  3,1
Himbeere                                 6,4
Passionsfrucht                         4,0
Kakaopulver, entölt               12,5
Vollmilchschokolade                0,5
Zucker                                      0,0

Wir sehen an dieser Tabelle, dass Vollkornprodukte wesentlich magnesiumreicher als raffinierte Mehle sind. Alle Früchte sind relativ magnesiumreich. Würden wir uns nur von Früchten ernähren, so würden wir ein Vielfaches des Bedarfes zuführen. Die ob ihres Magnesiumgehaltes so hoch gelobte Banane ist übrigens nicht viel besser als die meisten anderen Früchte. Während reiner Kakao sehr magnesiumreich ist, müssten wir mehr als 4000 Kcal an Schokolade verzehren (relative Nährstoffdichte nur 0,5), um unseren Tagesbedarf zu decken. Zucker ist hingegen praktisch magnesiumfrei.

6. „Zucker ist im ursprünglichen Sinn des Wortes naturbelassen“ 

40 % der Bevölkerung sind der Meinung, dass Zucker ein reines Industrieprodukt sei. Dieser laut CMA irrigen Meinung widerspricht Prof. Märländer vom Institut für Zucker rübenforschung in Göttingen (und der muss es ja schließlich wissen): „Saccharose (Zucker) entsteht als Produkt der Photosynthese in allen Pflanzen. Der Zucker wird von seiner Entstehung in der Zucker rübe bis zum verpackten Haushalts zucker nicht verändert. Während des gesamten
Zucker
gewinnungsprozesses erfolgen keinerlei chemische Umwandlungen. … Saccharose ist daher im ursprünglichen Sinn des Wortes naturbelassen.“ 

Was Professor Märländer schreibt, ist wahr. In der Tat stammt der Zucker aus der Zucker rübe (oder aus Zucker rohr) und ist daher prinzipiell natürlichen Ursprungs. Das Zucker molekül selbst wird chemisch auch nicht verändert. Dies soll den Eindruck erwecken, Zucker sei naturbelassen und komme mit keinerlei „Chemie“ in Berührung. Und das stimmt eben so nicht.  

Bleiben wir zunächst beim „natürlichen Ursprung“. Da denke ich doch gleich an den Alkohol. Auch dieser entsteht schließlich auf völlig natürlichem Wege durch eine Hefegärung in der Natur. Auch das Alkoholmolekül wird dann chemisch nicht mehr verändert. Alkohol ist also völlig naturbelassen. Dass es ein Genussmittel ist und ein nicht ganz Ungefährliches dazu, steht auf einem anderen Blatt und hat mit seiner „Naturbelassenheit“ nichts zu tun. Mit gleichem Fug und Recht könnte man auch das Zigarettenrauchen als etwas ganz „Natürliches“ bezeichnen. Ist der Tabak denn keine natürliche Pflanze? Bleibt das „natürliche“ Nikotinmolekül denn nicht bei der Zigarettenherstellung ebenfalls völlig unverändert? Und denken Sie zuletzt an das Morphium. Kommt dieses nicht ganz „naturbelassen“ im Schlafmohn vor? Natürlichkeit ist also keinesfalls ein Beweis für Unschädlichkeit, wie es häufig fälschlicherweise – auch und gerade in Naturheilkundekreisen – angenommen wird. 

Doch was passiert denn eigentlich bei der Zucker herstellung, die das Zucker molekül selbst doch wunderbarerweise unverändert lässt? Wie viele chemische Hilfsmittel werden denn wirklich benötigt? Das Wasser für die Reinigung der Zucker rüben wird mit einem Polyelektrolyt auf der Basis von Acrylamid (krebserregend!) und Natriumaycrylat gereinigt und kann dann wieder verwendet werden. Die Zucker rübenschnitzel werden auf 70° C erhitzt (dabei werden praktisch alle hitzeempfindlichen Vitamine zerstört). Dem gewonnenen Zucker rohsaft wird in einer Verdampfstation das Wasser entzogen. Damit hierbei keine unerwünschten Ablagerungen entstehen, wird Natriumpolacrylat zugesetzt. Der entstandene Zucker dicksaft wird weiter eingekocht, wobei weitere Chemikalien den Kristallisationsprozess fördern. Bei allen beschriebenen Prozessen kommt es zu einer störenden Schaumbildung. Diese wird mit Polyalkylenglykolether unterdrückt. Darf man dann wirklich noch von einem naturbelassenem Produkt sprechen, Herr Professor? 

7. Die übliche Menge ist okay 

„Dosis facit venum.“ – „Die Dosis macht das Gift.“ wusste schon der alte Paracelsus. Jeder Stoff kann potentiell giftig sein. Sie können sich mit reinem Wasser umbringen, wenn Sie nur genügend davon trinken. Wie schaut es denn beim Zucker aus? Beim Lesen der Broschüre beschleicht einen das Gefühl, Zucker sei so gesund, dass es überhaupt keine vernünftige Grenze nach oben geben kann – jedenfalls ist von einer Zufuhrempfehlung nirgendwo die Rede. Die Fachgesellschaften (und das sind auch wieder Experten, die sich irren können) geben keine untere Normgrenze an. Das heißt, es gibt keine empfohlene Mindestverzehrmenge an Zucker oder zuckerhaltigen Lebensmitteln. Eine solche ist auch nicht nötig, da es einen „Zucker mangel“ beim Menschen niemals geben kann. Selbst wenn er auf jegliche mit Zucker versetzten Lebensmittel verzichten würde, wäre durch den natürlichen Zucker gehalt vieler Lebensmittel (besonders Gemüse und Früchte) eine gewisse Zufuhr gewährleistet. Ja selbst, wenn er auch noch auf diese Lebensmittel verzichtete, gäbe es kein
Zucker
defizit, da der Körper aus Stärke (z.B. in Getreideprodukten) soviel Traubenzucker herstellen kann, wie er nur braucht. In gewissem Umfang kann er Traubenzucker sogar aus manchen Aminosäuren (Eiweißbausteine) synthetisieren. 

Als obere Verzehrempfehlung werden ziemlich einhellig von WHO (Weltgesundheitsorganisation) und DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) 10 % der Gesamtenergie in Form von
„Zucker
kalorien“ nahe gelegt. Das sind etwa 200 kcal oder etwa 50 g Zucker bei einem Erwachsenen mit leichter körperlicher Betätigung. Bei Kindern wären dies nur 20 bis 40 g Zucker, je nach Alter. Da ist aber der natürliche Zucker aus (wirklich) naturbelassenen Lebensmitteln schon drin. Der tatsächliche, durchschnittliche Zucker verbrauch (industriell hergestellter Zucker, mit „natürlichem“ Zucker wäre es noch mehr) liegt aber bei etwa 100 g täglich! Vom Säugling bis zum Greis - und Durchschnitt heißt immer, dass es viele gibt, die noch weit darüber liegen - verzehrt also jeder Deutsche mehr als das Doppelte der Menge Zucker, die als noch vertretbare Obergrenze angesehen wird. Wenn wir also die Empfehlungen von WHO und DGE einhalten wollen, dann ist dem Durchschnittsverbraucher eine dringende Reduktion anzuraten. 

Die Broschüre der CMA hat diese Zahlen selbstverständlich unterschlagen. Die einzige Aufgabe der Broschüre ist es, den schon deutlich überhöhten Zucker konsum in Deutschland weiter anzuheizen. Das Motiv sind nachvollziehbare wirtschaftliche Interessen. Dabei geht die CMA nach dem Prinzip der Prawda (siehe oben) vor. Jede einzelne Aussage in der Broschüre ist zwar in sich korrekt. Dadurch, dass viele Zitate aus dem Zusammenhang gerissen sind, aktuelle Studien, die nicht in das Weltbild passen, nicht berücksichtigt wurden, und wichtige Informationen unterschlagen werden, entsteht ein Kartenhaus aus Halbwahrheiten, welches beim leisesten kritischen Windchen in sich zusammenfällt. Das kann der Laie, der die anderen Informationen nicht zur Verfügung hat, nicht beurteilen, ja er fühlt sich dadurch möglicherweise sogar in seinem (zu hohen) Zuckerkonsum bestätigt. Wenn aber Mitbürger, die schon weit mehr Zucker verzehren als die großen Fachgesellschaften noch als gesundheitsverträglich ansehen, zu einem noch stärkeren
Zucker
konsum verleitet werden, dann kann ich nur sagen: „Diese Broschüre gefährdet Ihre Gesundheit!“ Glauben heißt nicht wissen, da hat die Broschüre Recht. Dieser Broschüre glauben heißt aber, sich verdummen zu lassen. 

Tabelle 2: Wer ist die CMA?

1969 wurde das Absatzfondgesetz verabschiedet, um durch „zentrale Absatzförderung…die Erlössituation der deutschen Land- und Ernährungswirtschaft zu verbessern“. Für die Durchführung dieser Aufgabe ist die „Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft“ (CMA) zuständig. Die CMA hat also die Aufgabe, den Absatz landwirtschaftlicher Produkte aus heimischer Produktion zu fördern. Heute arbeiten rund 150 Mitarbeiter für die Einrichtung in Bonn.

Um ihre Tätigkeit zu finanzieren, müssen landwirtschaftliche Verwertungsbetriebe Beiträge an den Absatzfond entrichten: So hat jede Molkerei pro 1000 kg angelieferter Milch 1,22 € zu bezahlen, jede Schlachterei pro Rind 2,04 € und pro Schwein 0,51 €. Diese Zwangsbeiträge werden natürlich auf den Preis aufgeschlagen, d.h. der Verbraucher finanziert damit die Werbung indirekt über den Verbrauch selbst. Jeder kennt die Werbung aus Zeitschriften oder Fernsehen unter dem Stichwort „Bestes vom Bauern“.

Auch für die Zucker produzenten ist man in Bonn aktiv. Immerhin müssen Zucker fabriken je Tonne aufgenommener Rüben 0,16 € Beitrag für die CMA berappen. Das erscheint nicht viel, aber bei mehreren Millionen Tonnen Zucker rüben pro Jahr kommen schon erkleckliche Beträge zusammen, die satzungsgemäß absatzfördernd zu verwenden sind. Diese Werbung ist ganz legal und legitim, nur sollte die CMA nicht so tun, als sei sie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Quelle: http://www.fnl.de/gruenerpfad/lexikon/bilder/zuckerrueben.jpg

An jeder Zucker rübe verdient die CMA mit – und beglückt uns mit ihrer Werbung.

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit 

 © Dr. Volker Schmiedel
Chefarzt der Inneren Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin (Univ. Mailand).

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Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift "Der Naturarzt". Wir danken dem Access-Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. www.naturarzt-access.de

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